Quadrate, reloaded!

Am 10. Juni wurde im Linzer Medienmuseum im oberösterreichischen Linz mit Proof of Art eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet, die erste museale Präsentation der Crypto-Kunst weltweit. Sie ist der modernsten Version der Digitalkunst gewidmet, die auch als NFT-Kunst bezeichnet wird. NFT steht für „non-fungible token“, dabei handelt es sich um ein nicht austauschbares, daher eindeutiges kryptografisches Zertifikat, mit dem es möglich wird, zuvor beliebig replizierbare digitale Werke in Unikate zu verwandeln.

Die Historie dieser Crypto Art ist erst wenige Jahre alt und hauptsächlich geprägt von jungen Künstlern, die in der Welt von Social Media aufgewachsen sind. Ein Nebeneffekt des neuen Hypes um die digitale Kunst ist, dass damit auch algorithmische Kunst mit ihren Vorläufern endgültig zu einem viel beachteten Faktor in der bildenden Kunst geworden ist.

Quadrate x 3: links eine originale Plottergrafik von 1967, in der Mitte die Serigraphie der Biennale 1970 und rechts eine NFT-Umsetzung.
Herbert W. Franke mit dem Kurator Jesse Damiani aus Los Angeles (rechts neben Franke) sowie den beiden Co-Kuratoren Fabian Müller (links) und Markus Reindl (rechts). Foto: space  press

Die Crypto Art wird heute geprägt von Künstlern, die mit der Netzwelt aufgewachsen sind. Pioniere dieser Kunstrichtung aus den sechziger Jahren waren mit ihren historischen Werken bisher nicht unter den Vertretern der Crypto Art zu finden. Weltweit zum ersten Mal wurde nun in dieser Ausstellung mit Quadrate von Herbert W. Franke aus dem Jahr 1967/69 neben den Werken junger NFT-Künstler frühe Computerkunst NFT-kompatibel präsentiert.

In seiner Eröffnungsrede betonte Prof. Dr. Alfred Weidinger, der Direktor der Linzer Museen, die Bedeutung Frankes für die algorithmische Kunst, der schon in den fünfziger Jahren mit Analogrechnern Bilder generierte und schon damals die Vision der Maschine als „Partner des Künstlers“ beschrieb. Frankes umfangreiches Archiv wird derzeit im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe aufgebaut. Während in der klassischen Malerei lediglich die künstlerische Manifestation in einem realisierten Werk gezeigt werden kann, bietet NFT inzwischen nicht nur die Möglichkeit, einzelne Werke wie Bilder oder Videos zertifiziert ins Netz zu stellen, sondern auch den ganzen Code eines Werkes.

Ausstellungstafel zur Einführung

Das algorithmische Programm gibt damit einen viel weitreichenderen Aufschluss über die Gedankenwelt und die künstlerischen Intentionen des Urhebers. Doch obwohl die Computerkunst erst wenige Jahrzehnte alt ist, stoßen Kunsthistoriker bei der Konservierung solcher frühen Algorithmen bereits an technologische Grenzen. Denn die damals eingesetzten Programmiersprachen wie Fortran sind heute längst nicht mehr in Gebrauch – ebenso die Rechner, auf denen sie entstanden sind.  Alte Codes der Digitalkunst sind deshalb für die Nachwelt erst einmal „verloren“. Der Algorithmus von Quadrate wurde nun auf Anregung des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe vom Informatiker Daniel Heiss in einem aufwändigen Forschungsprojekt rekonstruiert und jetzt so umcodiert, dass er für die NFT-Technologie im Internet nutzbar wird.

Franke, der vor wenigen Wochen seinen 94. Geburtstag feierte, ist über diese innovative Umsetzung des frühen Codes begeistert. „Schon immer waren für mich die Algorithmen das wesentliche Element meines Schaffens, nicht so sehr das damit erzeugte einzelne Bild. Ich freue mich daher sehr, dass ich durch das ZKM die Möglichkeit erhalten habe, die NFT-Technologie gleich mit der Rekonstruktion des Algorithmus meines ersten Digitalwerks zu erschließen.“  Dafür wurde sogar der alte Zufallsgenerator von Fortran aus dem Jahr 1970 wieder „ausgegraben“ und in den Code integriert. Und dann gibt es in der Reloaded-Version für das 21. Jahrhundert noch ein kleines Extra: Franke hat dafür 20 Dreier-Paletten gestaltet, in denen die Quadrate jetzt sogar in unterschiedlicher Farbcodierung visualisiert werden können.