Biografie

Herbert W. Franke

Herbert W. Franke, am 14. Mai 1927 in Wien geboren, studierte dort Physik und Philosophie und promovierte 1951 zum Dr. phil. 1980 verlieh ihm das Österreichische Ministerium für Unterricht und Kunst den Berufstitel Professor, 2007 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. Die Hochschule für Gestaltung Karlsruhe verlieh dem Pionier im Jahr 2018 zudem die Ehren-Doktorwürde für seine Arbeiten im Bereich von Kunst und Wissenschaft.

1952: bei Siemens Halske am Schreibtisch
1985: Ordnung im Chaos
2015: Home Office

Das Leben von Herbert W. Franke ist von drei wesentlichen Arbeitsfeldern bestimmt. Sie sollen im Folgenden kurz dargestellt und damit die Vielfältigkeit seines Schaffens dokumentiert werden. Sein geistiges Werk beruht gleichermaßen auf der Rationalität des Forschers wie auf der Kreativität des Künstlers, die in seiner Person ideal verbunden sind. Sein gesamtes Leben war vom Brückenschlag dieser „zwei Kulturen“ geprägt.

Reportage über die Ausstellung Wanderer zwischen den Welten, die 2010 dem Künstler und Wissenschaftler Herbert W. Franke im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe gewidmet war.

Schon während des Studiums begann Franke, sich für „bildgebende Systeme“ zu interessieren. Seine Dissertation zu einem Thema der Elektronenoptik gab den Anstoß, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wie wissenschaftliche Bilder aus technischen Apparaten mit Kunst und Ästhetik zusammenhängen. Der damalige Hobby-Musiker und Hobby-Fotograf war fasziniert von den kreativen Möglichkeiten, die der Einsatz solcher Maschinen für die Produktion ästhetischer Bildwerke bot. Er begann mit ersten künstlerischen Experimenten, nutzte Fotoapparate und unterschiedliche Maschinen wie Röntgenapparate, um Kunstwerke generativ zu erzeugen.

Als Vorreiter der maschinell erzeugten Kunst hat Herbert W. Franke im Lauf von sechzig Jahren mit höchst unterschiedlichen Methoden und Geräten – von analogen Apparaten bis zu digitalen Rechnern – grafische Kunstwerke geschaffen. Er war in vielen Ausstellungen vertreten, darunter auch in der Biennale in Venedig 1970. Er wurde zum Mitglied des Wiener Künstlerhauses gewählt und war als Mit-Gründer der ars electronica in Linz maßgebend an der Erfolgsgeschichte dieses weltweit einmaligen Kunst-, Medien- und Technologie-Forums beteiligt.

Herbert W. Franke am PC im Home Office (2021)

Neben der Produktion von Grafiken hat sich Franke auch vielfach mit der Konzeption bewegter Sequenzen befasst, wobei er sich speziell mit Fragen der Bild-Ton-Kompositionen auseinandersetzte. Am apple II entwickelte er schon 1982 ein Programm, das mit Hilfe einer Midi-Schnittstelle bewegte Bildabläufe durch Musik steuerte. Auch mit anderen Künstler hat er solche Projekte verwirklicht, beispielsweise das Astropoeticon aus dem Jahr 1979, das gemeinsam mit dem Maler Andreas Nottebohm, dem Musiker Walter Haupt und seinem guten Freund Manfred P- Kage entstand. Ein anderes wichtiges Beispiel ist die Hommage à E. M. für die artware 1989, ein „Digitales Ballett“ mit der Musik von Klaus Netzle, in der eine Tänzerin mit ihrem elektronisch verfremdeten Spiegelbild tanzt, das sie durch die eigenen Bewegungen erzeugt. Mit diesen und anderen Arbeiten hat Franke von den Anfängen an einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Medienkunst geleistet.

Einen wichtigen Beitrag für die Szene hat Franke mit einer Ausstellung Wege zur Computerkunst geleistet, die mit dem Goethe-Institut in den siebziger Jahren in mehr als 200 Ländern einen ersten großen Überblick über die digitale Kunst zeigte. Erst seit wenigen Jahren beginnt die „Kunst aus der Maschine“ auch traditionelle Museen als Zweig der modernen Kunst zu interessieren. Franke, der von Anfang an fest von der künftigen Bedeutung dieser Kunstrichtung überzeugt war, hat zudem eine weltweit einmalige Sammlung von Computergrafiken zusammengestellt, die 50 Jahre dieser Entwicklung mit Werken angesehener internationaler Künstler, ergänzt durch seine eigenen Arbeiten, dokumentiert. Der historische Teil dieser Sammlung ist in den Besitz der Kunsthalle Bremen übergegangen; dort wurde sie der Öffentlichkeit im Jahr 2007 erstmals mit einer umfangreichen Ausstellung präsentiert.

Als Physiker war Franke aufgrund seiner früh erkennbaren schriftstellerischen Begabung prädestiniert, Wissenschaft und Technik in populärer Form einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Etwa ein Drittel seiner fast fünzig Bücher sowie ungezählte Zeitschriftenartikel gehört daher zur populären Sachliteratur; 1992 erhielt er den Karl-Theodor-Vogel-Preis für Technik-Publizistik. Franke hat sich aber auch schnell als literarischer Schriftsteller etabliert. Schon in den fünfziger Jahren veröffentlichte er seine ersten Werke, die in der angesehenen österreichischen Literaturzeitschrift Neue Wege erschienen, in der auch Literaten wie H. C. Artmann, Friederike Mayröcker oder Ernst Jandl in Österreich erstmals einer breiten Leserschaft vorgestellt wurden.

In Frankes Romanen und Geschichten geht es nicht um die Vorhersage künftiger Technologien, auch nicht um die Prognose unserer künftigen Lebensweise, sondern vielmehr um die intellektuelle Auseinandersetzung mit möglichen Modellen unserer Zukunft und ihrer philosophischen wie ethischen Interpretation. Dabei ist Franke die Seriosität wissenschaftlicher oder technologischer Zukunftsabschätzung im Sinne einer Machbarkeitsanalyse von großer Bedeutung. Seiner Meinung nach kann grundsätzlich nur auf dieser Basis eine ernsthafte und sinnvolle Analyse über die künftigen Entwicklungen geführt werden. Insofern ist Franke kein typischer Vertreter der Science-Fiction, sondern eher ein Visionär, der sich als Romancier auf hohem intellektuellen Niveau mit relevanten Fragen der gesellschaftlichen Zukunft und der menschlichen Bestimmung auseinandersetzt.

Heute gehört Herbert W. Franke – gewähltes Mitglied des PEN-Clubs sowie der Grazer Autorenversammlung – zu den renommiertesten Autoren utopischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Der Literaturwissenschaftler Hans Esselborn, Mit-Herausgeber dr Werkausgabe Frankes, bezeichnet Franke als den „Pionier der deutschsprachigen Nachkriegs-Science Fiction“. Er war fünfzehn Jahre Autor des Suhrkamp-Verlags und hat nach der Reduzierung der Phantastischen Reihe, später erschienen mehrere Romane beim Deutschen Taschenbuch-Verlag dtv. Neben 21 Romanen und mehr als 200 Kurzgeschichten schrieb er zahlreiche Hörspiele, die in vielen Sendern ausgestrahlt wurden. Sie ist sowohl als Paperback als auch in einer limitierten Hardvocer-Auflage erhältlich. Frankes literarischen Arbeiten wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet. 2016 wurde ihm von der European Science Fiction Society der Titel European Grand Master of Science Fiction verliehen. Fast alle Romane sind inzwischen als E-Book bei Heyne neu aufgelegt, eine komplette Werkausgabe mit rund dreißig Bänden erscheint derzeit im Verlag p.machinery – sowohl als Paperback als auch in einer limitierten bibliophilen Hardcover-Ausgabe.

Reportage über die Verleihung des Titels Grand Master der Euroean Science Fiction Society.
Bücher-Regal der SF-Belegexemplare im Home Office
Zurück zum dritten Leben – Autograph von Frankes erster phantastischer Novelle, die er unter dem Eindruck seiner Kriegserlebnisse 1945-47 verfasst. Sie wurde erst jüngst in einem Band der Werkausgabe publiziert.
1960: Hardcover-Ausgabe des Grünen Kometen, eine Sammlung von zahlreichen Superkurz-Geschichten, der Beginn der deutchsprachigen Nachkriegs-Science Fiction, die Franke mit seinen Werken maßgeblich beeinflusst hat.

Frankes literarische Arbeiten wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet, mehrfach erhielt er den Kurd-Lasswitz-Preis, die höchste Auszeichnung der deutschsprachigen SciFi-Szene in Deutschland. 2016 wurde ihm von der European Science Fiction Society der Titel European Grand Master of Science Fiction verliehen, als erstem deutschsprachigen Autor überhaupt.

Eine Biografie von Herbert W. Franke wäre jedoch nicht vollständig, wenn sie nicht auch etwas zu seiner Tätigkeit als Wissenschaftler beitragen würde. Obwohl er nach seiner Promotion abgesehen von fünf Industriejahren bei Siemens stets freiberuflich tätig war, hat er wertvolle Beiträge zur Grundlagenforschung geleistet. Als „Privatgelehrter“, wie man ihn heute in unserem Wissenschaftsbetrieb kaum noch findet, hat er viele Jahre auf mehreren Spezialgebieten theoretisch gearbeitet und bemerkenswerte Arbeiten publiziert.

Er erkannte schon Mitte der fünfziger Jahre, dass der mathematisch definierte Begriff der Stetigkeit in der Wahrnehmung von Kunst eine ähnliche Bedeutung hat wie die Symmetrie. Als theoretischer Physiker, der vom Prinzip der Wechselwirkung in Systemen fasziniert war, befasste er sich früh auch mit Fragestellungen der Kybernetik. Sein besonderes Interesse galt dabei Fragen der Zusammenhänge von Wahrnehmungsprozessen und Kunst. In seiner in den sechziger Jahren im Fachbuch Kybernetische Ästhetik veröffentlichten rationalen Kunsttheorie beschrieb er die Wahrnehmung als Grundlage der Ästhetik und damit die Kunst als ein mit Hilfe der Informationstheorie erfassbares Konstrukt. Das Wirkungsschema beschrieb er in einem Flussdiagramm und führte die ästhetische Funktion der Emotionen auf eine rationale, evolutionär entstandene Grundlage zurück. Mit seinem Mehrebenenmodell konnte er die Langzeitwirkung der Kunst erklären. Er legte weiter eine auf Zufallsprozessen im Gehirn beruhende Hypothese zur Kreativität vor, die auch ein Modell des Traums nahelegt. Auch hier war Franke, Pionier der Informationsästhetik, seiner Zeit einen Schritt voraus. Seine auf kybernetischer Grundlage erarbeiteten Vorstellungen sind erst jüngst durch neueste Erkenntnisse der Neurobiologie bestätigt worden. Seine weitsichtigen theoretischen Vorstellungen sowie seine Erfahrungen als Pionier der algorithmischen Kunst hat er auch in Lehraufträgen an der Universität München sowie an der Akademie der Bildenden Künste in München zwei Jahrzehnte lang an Studenten weiter gegeben.

Bildreihe oben und unten: Historische Fotos von Höhlen-Expeditionen von 1952 bis 1980

Mit Hilmar Schmundt anlässlich einer Reportage des „Spiegel“ in einer hawaiianischen Lavahöhle (2003)

Seit seiner Studienzeit befasste er sich zudem als Höhlenforscher mit Fragen der Entstehungsgeschichte von Karsthöhlen. Bei zahlreichen Expeditionen in alpine Höhlen fand er Gelegenheit zu Beobachtungen, die er dann in theoretischen Arbeiten verwerten konnte. Schon 1951 – nur zwei Jahre nach Libbys Entdeckung des natürlichen Radiokohlenstoffs als Mittel der Altersbestimmung organischer Substanzen – kam Franke zu dem überraschenden Schluss, dass diese Methode in einem wichtigen Spezialfall auch für die Datierung nicht-anorganischer Substanzen, nämlich für Höhlensinter, nutzbar sein müsste.

Sein 1951 in den renommierten Naturwissenschaften publizierter Beitrag stieß anfangs allerdings auf große Skepsis und Ablehnung. Erst 1957 interessierten sich Physiker der Universität Heidelberg für eine experimentelle Überprüfung der theoretischen Überlegungen. In Zusammenarbeit mit Franke bewiesen sie die praktische Durchführbarkeit und etablierten damit die heute gängige Methode der Altersbestimmung von Tropfsteinen mittels der C14-Methode.

Blick in die Eishöhle am Dachstein.
Tropfsteinhöhle

In den folgenden Jahren hat er er sie gemeinsam mit Prof. Dr. Mebus A. Geyh vom damaligen Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung in Hannover systematisch auf Höhlensedimente angewandt, was erstmals zu exakten physikalischen Messdaten für die zeitliche Einordnung end- und nacheiszeitlicher Klimaperioden führte. Heute ist die Methode für die Datierung des Höhlensinters auch für die Geochronologie etabliert und bildet für die Klimaforschung der ausklingenden Eiszeit einen wichtigen Baustein; so gehört Franke zu den Initiatoren der auf Isotopen gestützten paläoklimatologischen Forschung. Weiter hat er schon lange vor den ersten Aufnahmen der NASA theoretisch abgeleitet, dass es auf dem Mars gewaltige Höhlensysteme geben müsste.

Schließlich gab er theoretische Gründe dafür an, dass zur Beschreibung der physikalischen Welt statt einer Weltformel ein Programm gesucht werden sollte, das nicht nur Naturgesetze, sondern auch Anfangsbedingungen beschreibt. Mehr dazu in einem historischen Text von Franke auf der Seite Forschungswelten. Auf der Basis zellularer Automaten befasste er sich mit grundsätzlichen Überlegungen solcher Eigenschaften. Diese Erkenntnisse hat er in einem philosophisch-theoretischen Buch mit dem Titel Das P-Prinzip 1995 veröffentlicht.

2008 wurde Franke vom renommierten Zuse-Institut Berlin ZIB zum Senior Fellow ernannt. In dem dort initiierten Forschungs-Projekt math goes art hat er Wechselwirkungen von Mathematik und Kunst im Besonderen im Kontext dreidimensionaler Welten im Netz untersucht. Seit 2017 baut das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe das Archiv Herbert W. Franke auf.