1989 – Performance artware

Das Digitale Ballett Hommage à E. M., das bei der artware-Ausstellung 1989 in Hannover uraufgeführt und von Art in einem Bericht über die Uraufführung als „Glanzlicht der Ausstellung“ tituliert wurde, ehrt mit dem TItel Hommage à E. M. den Pionier der Fotografie: Eadweard Muybridge. Er hat vor mehr als hundert Jahren erstmals mit seriellen Fotos menschliche und tierische Bewegungen festgehalten.

Bei der Hommage à E. M. wurde eine Tänzerin mit einer VHS-Videokamera aufgenommen und das Bewegtbild live zu einem Fairlight-Video-Computer geleitet, der das bewegte Bild in Echtzeit digitalisierte und in Echtzeit weiterverarbeitete. Das für standen unterschiedliche Programme zur Verfügung, die vom Videokünstler über ein Schaltpult aufgerufen und deren zahlreiche Parameter über Schieberegler und Drehknöpfe live gesteuert werden konnten. Die berarbeiteten Bilder wurden mit einem Projektor hinter der Bühne live auf eine Leinwand projiziert, so dass der Zuschauer sowohl die Bewegungsabläufe der Tänzerin wie auch das daraus gestaltete elektronische „Spiegelbild“ beobachten konnte. Mit einem kleinen Monitor am vorderen Bühnenrand konnte die Tänzerin die Verarbeitung sehen und so in ein kreatives Wechselspiel mit dem elektronischen Bildkünstler treten.

Die ersten Probeaufnahmen mit Susanne Päch bei der Entwicklung des Konzeptes

Der für die Hommage eingesetzte Video-Computer von Fairlight, eine Firma die sonst Audiosizer herstellte, hat sich am Markt nicht durchgesetzt. Es wurden davon nur wenige Exemplare hergesellt, ehe die Produktion von Fairlight bald wieder eingestellt wurde.

Konzept und visuelle Gestaltung: Herbert W. Franke
Musik: Klaus Netzle
Dramaturgie und Tanz: Susanne Päch
Tänzerin: Claudia Knoll
Technik: Christoph Grüner

Performance einer Tänzerin mit Ihrem elektronischen Spiegelbild

Foto-Doku von Probenarbeiten

Dem dynamischen Moment der Bewegung kommt in vielen Formen der Kunst – nicht zuletzt im Tanz – tragende Bedeutung zu. Durch den Einsatz moderner Medien lassen sich dynamische Prozesse aus einer neuen Sicht heraus erfassen. Andeutungen dafür finden sich in den heute längst klassisch gewordenen Arbeiten von Eadweard Muybridge, der von ihm neu entwickelte fotografische Methoden anwandte, um Phasenbilder von motorischen Abläufen bei Menschen und Tier zu erhalten. Die Möglichkeiten analytischer Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Bewegung“ werden durch moderne elektronische Geräte erheblich erweitert. Daraus ergeben sich neben der wissenschaftlichen Erkenntnis auch beachtliche ästhetische Momente.

Die wichtigsten zum Einsatz kommenden technischen Geräte sind eine Videokamera, ein Bildverarbeitungscomputer, sowie ein Videoprojektor mit Rückprojektionswand. Durch die Videokamera wird die Bewegung der Tänzerin aufgenommen und in den Bildtransformator geleitet. Die Verarbeitung der optischen Daten erfolgt in Echtzeit; sie werden nach vorbereiteten Programmen manuell gesteuert und enthalten somit auch einen entscheidenden improvisatorischen Anteil.

Grundsätzlich bietet die Darstellung dem Zuschauer Gelegenheit, „Bewegung“ in einer bisher nie gesehenen Weise kennen zu lernen. Unter anderem resultiert daraus die Einsicht, dass die Art und Weise, wie das menschliche Auge und die menschliche visuelle Wahrnehmung motorische Prozesse aufnehmen, nur eine Möglichkeit unter vielen denkbaren ist. Der Wert dieser Innovation beschränkt sich nicht auf künstlerische Bereiche, doch im Sinn der Veranstaltung wird er dem Zuschauer als ästhetisches Erlebnis vermittelt: Die erst mit Hilfe technischer Einrichtungen sichtbar gemachten Spielarten der Bewegungsvorgänge erweisen sich als bemerkenswert reizvoll und unterstreichen die neuen Möglichkeiten, die elektronische Medien für künstlerische Gestaltung bieten.

Die Performance gliedert sich in vier Teile, die durch Stichworte „Analyse“, „Abstraktion“, „Synthese“ und „Gestaltung“ bestimmt sind.

1. Bewegungsanalyse: Ausgehend von einer von Eadweard Muybridge stammenden Bildserie werden einfachste Bewegungsabläufe dokumentiert. Mittel dazu ist die Stroboskopie, die Auflösung des motorischen Prozesses in Phasenbilder. Dabei ergeben sich Bewegungselemente, die man durch Beobachtung nicht erfassen kann – das technische Hilfsmittel führt uns in einem analytischen Prozess zu elementaren Einheiten.

2. Bewegungsabstraktion: Die Rückführung komplexer Bewegungsvorgänge auf einfachste Einheiten wird im Sinn eines visuell-ästhetischen Experiments vorgeführt. Durch zunehmende Digitalisierung und durch Zuordnung von Farben werden die motorischen Prozesse zunehmend weiter verarbeitet und damit abstrahiert. Als letzte Konsequenz zunehmender Abstraktion ergibt sich ein abstraktes Bewegungsspiel, in dem Form, Farbe und Klangmatrix eine Einheit bilden.

3. Bewegungssynthese: Die in der vorherigen Sequenz für analytische Zwecke eingesetzten optischen Mittel bilden das ästhetische Material für die Gestaltung einer Choreographie, in der reale Tanzszenen und elektronisch transformierte Bildabläufe aufeinander bezogen zusammen wirken. Dabei wandelt sich auch die bisher abstrakte Klangmatrix in einen melodiösen Klangraum. Darüber hinaus ist es möglich, das reale und das verfremdete Bild zusammen zu fassen; es entstehen zur Musik „experimentelle Bilder“, in denen die Wechselwirkung, in der die Tänzerin mit ihrem elektronischen Spiegelbild steht, deutlich wird.

4. Bewegungsmalerei: In letzter Konsequenz führt das neu gewonnene Repertoire an choreographischen Gestaltungsthemen zur Möglichkeit der Gestaltung bewegter Bilder durch den Tanz. Hier wird die Fähigkeit der digitalen Systeme zur Echtzeitverarbeitung von Bildern voll ausgenutzt – die „in den Raum geschriebenen“ Bilder entstehen in Interaktion, anhand von Beobachtung des eigenen Tanzes und der dadurch ausgelösten abstrakten Bewegungseffekte über einen Monitor.

Foto-Doku von Probenarbeiten

Das digitale Ballett artikuliert sich durch den Einsatz unkonventioneller Mittel. Es hat den Charakter eines Experiments, in den nicht nur die Gestalter, sondern auch die Zuschauer einbezogen sind: Das geteilte Sichtfeld – Tanzbühne und Projektionsschirm – entspricht auch einer Zweiteilung der Aufmerksamkeit, die aber nicht beliebig, sondern durch die gestalterisch und technisch gegebenen Zusammenhänge andeutungsweise vorgegeben ist. Erst die Erfahrung kann zeigen, inwieweit sich ein solches Konzept in unser ästhetisches Aufnahmevermögen fügt. Bei der Ausarbeitung der „Hommage à E.M.“ wurde bewusst auf eine narrative Ebene verzichtet: die Darbietung soll ebenso wie der klassische freie Tanz durch den Kanon visueller und auditiver Abläufe wirken, die sich mit Hilfe der elektronischen Mittel zu einer höheren Einheit verbinden.